Archiv der Einträge: Januar, 2007
  • Lublova

    Tja, seit ich vor einer Woche hier in Lublova angekommen bin, ist alles nur schief gegangen - bis gestern Abend:
    Der Borat, der ist ja Reporter und wurde darum in Lutenblag nach zu vielen neugierigen Fragen ins Gefängnis gesteckt (er behauptet zwar, dass er immer höflich geblieben sei, aber ich muss ehrlich zugeben, dass sein Englisch sehr mangelhaft ist und ich des Kasachischen nicht mächtig bin, darum habe ich so manchen Zweifel darüber, ob ich ihn richtig verstanden habe), der Borat also hat es nicht geschafft, dass wir unbemerkt in diesem Städtchen ankamen, nein, er musste gleich seine Kamera zücken.

    Natürlich hat uns die Polizei unter die Lupe genommen, aber nach fünfzehn Flaschen zvadovar (Chicorée-Extrakt, ein Nationalgetränk) waren wir dicke Freunde und dürfen nun in ständiger Begleitung alles anschauen. Das heisst konkret, dass wir übererallhin mitgeschleickt werden, in den Hünerstall des Stadtpräsidenten, an die Anrede des neuen Rektors der Universität, zum Hahnenkampf, von Saufgelagen muss ich ja gar nicht erst zu erzählen beginnen. Die Folge davon ist, dass ich gar nicht mehr zum Berichterstatten komme, weil die uns immer irgendwo hinzerren, vorgestern waren wir an der Beerdignung der Grossmutter des Schwagers des obersten Autohändlers etc. Natürlich verstehen wir kein Wort von all dem, was uns gesagt wird, aber eines haben wir verstanden: die Leute in Loblova dulden keinen Widerspruch.

    Lublova wird eigentlich als schöne Stadt beschrieben, mein Reiseführer meint dazu:

    Obwohl Lublova nicht über die bemerkenswerte natürliche Schönheit der Dörfer weiter im Westen verfügt, kann die Stadt doch dem furchtlosen Touristen einiges bieten, wenn dieser bereit ist, die schwierige Reise über das karge Hochplateau zu dieser faszinierenden Grenzstadt zu unternehmen. Hier fühlt man sich ins Mittelalter zurückversetzt, zumindest was Verkehrsmittel und Unterkunft angeht, und ist allenthalben umgeben vom Charme der Alten Welt.
    Zwar sind Teile der modernen STadt mit hren Fabrikgebäuden und riesigen Wohnblocks alles andere als attraktiv, aber immer, wenn man gerade verzweifeln möchte, biegt man um die Ecke und erblickt plötzlich eine atemberaubende Kirche oder einen verschwiegenen kleinen Platz.

    Die Ordnungshüter, die uns unter ihre Fittiche genommen haben, waren selber noch nie im Zentrum, also haben auch wir dementsprechend unsere letzten Tage in romantischen Plattenbauquartieren verbracht. Gestern Mittag sind wir abgehauen (wir haben uns schändlich aus dem Gottesdienst zur Neujahrsfeier geschlichen, die Molwanier sind Orthodox und folgen dem Julianischen Kalender) und sind so zufällig in ein Lokal mit guter Livemusik gekommen. Aber davon erzähle ich später.

  • Silvester und seine Folgen

    Tja, hätte ich doch nur meinen Reiseführer genauer gelesen, dann hätte ich auf mein letzes Abenteuer in Molwanien verzichten können:

    Da steht nämlich, schwarz auf rosa:

    Im allgemeinen ist Lutenblag für den Besucher eine sehr sichere Stadt; die Silvesterfeierlichkeiten sollte man jedoch tunlichst meiden, da sie organisiert und durchgeführt werden vom Militär, das dazu neigt, die Feier als Gelegenheit zu Forschung und Entwicklung zu nutzen.
    Diese Praxis erreichte ihren Höhepunkt während der Feiern zur Jahrtausendwende 1999/2000, als man die erste weitreichende Feuerwerksrakete der Welt vorführte, die ein grenznahes Dorf in Rumänien auslöschte.

    Am letzten Sonntag also, dem 31. Dezember, da habe ich plötzlich diese Warnung entdeckt, und lief los Richtung Busbahnhof. Seltsamerweise waren plötzlich alle Taxis wie vom Erdboden verschwunden, und der Hotelmanager wollte mir nicht sein Telephon ausleihen, da seine Grossmutter mit ihrer Schwester Rezepte für Hrosflab austauschte, das ist mariniertes Fleisch, und sich auch sonst wenig um meine durch Panikschübe gefärbte Stimmung kümmerte.

    Am Busbahnhof angekommen erfuhr ich, dass sonntags generell keine Busse fahren, und dass der einzige bestechliche Fahrer vor zwei Stunden schon stockbesoffen nach Hause gebracht wurde. Also spurtete ich zum Bahnhof, der war aber für die oben genannten Feierlichkeiten abgesperrt. Durch meine Fragen nach Zügen oder anderen Transportmitteln misstrauisch geworden, hat mich die Polizei dann kurzerhand auf den Posten mitgenommen.

    Nach 3 Stunden Warten auf den zuständigen Offizier (der, wie ich später erfuhr, den Silvester mit seiner Familie in Lublova, im Osten des Landes verbrachte), entschied der anwesende Polizist, mich wegen Schnüffelei zu einer Woche Holzhacken zu verurteilen, die Polizeistationen in der Hauptstadt hatten den Nachschub nicht rechtzeitig geregelt, also kam ich ihnen grad recht.

    Nun, meine Hände sind rauh wie Schmirgelpapier, dafür bin ich voll durchtrainiert und kann jede Türe aus den Angeln heben. Letzteres wiederum ist der Grund, warum ich schon vor 3 Tagen aus der Haft entfliehen konnte. Zusammen mit meinem Mithäftling Borat aus Kasachstan haben wir auf Umwegen gestern abend Lublova erreicht. Mehr darüber beim nächsten Bericht.

  • Lutenblag

    Nach einer doch eher beschwerlichen Grenzüberschreitung im Norden (bei Stolpp, einem kleinen verschlafenen Nest mit 5 Zollbeamten, deren 3 Frauen und 17 Kindern) vom letzten Donnerstag kam ich müde und verspannt in Lutenblag, der Hauptstadt Molwaniens an.

    Die Unterkunft hatte ich schon vor der Anreise organisiert, denn nichts weist darauf hin, dass das Leben und Reisen in Molwanien einfach ist, also hatte ich vorgesort und mir im Hotel "U Tri Hradjna" ein Zimmer für 2 Nächte reserviert. Für dieses Hotel hatte ich mich wegen der vielversprechenden Beschreibung entschieden:

    Das ausgiebig restaurierte Jugendstilgebäude U Tri Hradjna erhielt vor kurzem die Auszeichnung "Schönstes Hotel" von den Lesern des Magazins Vision Euro, einer Vierteljahresschrift, die sich an sehbehinderte Reisende richtet. Zwar sind die Zimmer relativ klein, aber raffiniertes Innendesign mit Elementen wie Klappbetten und der Kombination aus Faxgerät und Hosenpresse sorgen dafür, dass genug Bewegungsraum bleibt.

    Zwar war meine Reservation nie angekommen und natürlich war nichts bereit (die Grossmutter des Besitzers -ca 50, aber schwer zu schätzen- musste noch schnell von Hand die Bettlaken waschen, damit ich nicht die ihren mitbenutzen musste) aber die behindertenfreundliche Umgebung war überall zu spüren, niemand konnte sich ohne Beschwerden orientieren oder fortbewegen. Der mürrische Besitzer zeigte mir mein Zimmer neben dem Kohlekeller und erklärte mir, dass ich für einen besseren Schlaf nur das kleine Fenster zu öffnen brauche, es zeige direkt auf die Hauptstrasse und die Abgase der alten Moskwitsch und Wolga führen zu farbigen Träumen.

    Gestern machte ich mich dann auf Entdeckungsreise. Der Reiseführer versprach:

    Andere europäische Hauptstädte haben Lutenblag früher als so etwas wie einen rückständigen, provinziellen Vorposten betrachtet; aber selbst wenn dies je gestimmt hätte, so heute gewiss nicht mehr. Seit Lutenblag Gastgeber und Schauplatz einer ganzen Reihe bedeutender internationaler Ereignisse war - darunter die Pétanque-Weltmeisterschaft 1998 und anno 2001 die Stverska! Folklorique Dance Expo -, hat sich die Metropole zu einer lebhaften kosmopolitischen Stadt entwickelt und verfügt über eine muntere Nachtclub-Szene, einen vollen Kulturkalender und eine recht zuverlässige Stromversorgung ausser in den abgelegensten Vororten.

    Nach vielem Laufen und Schuhe am rauhen Strassenbelag Abschmirgeln gönnte ich mir ein Glas Rotwein in einer kleinen Bar, dem Bistroj Vjo Dzar.

    Das Bistro Vjo Dzar ist ein 24 Stunden geöffnetes Café unweit des Bahnhofs. Das Essen ist billig, wenn auch einwenig fade, und den Kellnern kann man nichts vorwerfen, da sie bewaffnet sind.
    schreibt mein Reiseführer, und ich stimme dem zu. Der Rotwein wurde in einem schmutzigen Glas serviert, das keck mit einem Zitronenschnitz garniert war. Beim Anfassen des Glases wurde mir klar, dass er eiskalt war (wahrscheinlich haben sie den Wein vor dem Küchenfenster gelagert, ein preiswerter Kühlschrankersatz in weiten Teilen Osteuropas) und beim Trinken hat mich der Zapfen nur so angesprungen.
    Trotz obigem Hinweis wollte ich den Kellner darauf aufmerksam machen, dass ich Wein ohne Zitrone bestellt hatte, aber ein kurzes Brauennachobenziehen seinerseit liess mich schnell verstummen.

  • Molwanien

    Gestern bin ich nach Molwanîen abgereist, und kann schon von meinen ersten Eindrücken berichten, die sich mit dem sehr nützlichen Reisetipp decken:

    Besucher, die zum ersten Mal in Molwanien sind, reagieren manchmal betroffen auf die recht direkte Art, in der die Einheimischen einander behandeln, gleich ob in Läden, beim Autofahren oder ganz einfach auf der Strasse. Erhobene Stimmen und wildes Gestikulieren sind üblich, und einem Aussenseiter mag es so vorkommen, als ob die Menschen einander nicht besonders mögen. In Wahrheit sind die Molwanier jedoch ein sehr unverblümtes Volk und kümmern sich nicht besonders um die Feinheiten des menschlichen Miteinanders. Einem anderen Autofahrer mit der Faust zu drohen oder ein Familienmitglied anzuspucken gehört für diese lockeren Leute zum gewohnlichen
    Alltag. Ein Neuankömmling braucht natürlich eine gewisse Zeit, um festzustellen, wie er auf ein solches Verhalten reagieren sollte - die genaue Abstufung der Grobheit z.B., die nötig ist, um die Aufmerksamkeit eines Kellners zu erhalten. Wenn Sie zu sanft sind, wird er Sie ignorieren. Wenn Sie zu aggressiv sind, könnte er eine verborgene Waffe ziehen. Mein Rat: lieber zu höflich sein. Sagen Sie "brobra" (danke sehr)zu ihrem Concierge und "vriszi" (bitte) zum Kellner. Sagen Sie Ihrem Taxifahrer, sein Wagen sei sauber (tatsächlich gibt es keine molwanische
    Formulierung für diese Situation, aber Sie können sich ja mit Gesten behelfen). Kurz gesagt: Versuchen Sie es mit Höflichkeit und lassen Sie sich überraschen, wie weit Sie damit kommen.

    Eine gewisse Ähnlichkeit zu Bulgarien ist absolut unbeabsichtigt und auch sehr überraschend. Noch kann ich die genauen Unterschiede und die Feinheiten der Gastfreundschaft nicht genau deuten, dazu muss ich noch einwenig weiterreisen.

    Die Ein- und Ausfuhrbestimmungen Molwaniens gehören mit zu den strengsten in ganz Europa. Bitte beachten Sie, dass erwachsene Reisende maximal 2500 Zigaretten pro Person einführen dürfen (Kinder 1500). Keine Beschränkung gibt es hingegen für mitgeführte Alkoholmengen. Sie sollten allerdings darauf vorbereitet sein, dass Zollbeamte Stich- bzw. Kostproben vornehmen.

    Morgen sollte ich von der Grenze bis in die Hauptstadt Lutenblag vordringen können, bis dahin sag ich nur: "Krokystrokiskiaskya" (hoffentlich bis bald!).

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