Archiv der Einträge: Februar, 2007
  • Alltag in Dzrebo

    Da ich nun schon eine gute Woche in Dzrebo bin, und hier eigentlich nicht viel los ist, kann ich behaupten, schon in eine gewisse Alltagsstimmung gekommen zu sein. Ich habe mich auch schon an die örtlichen Verkehrsmittel gewöhnt, und komme so eigentlich ganz selbständig zurecht.

    Im Ort fahren viele Busse; anhalten kann man sie durch simples Winken oder, bei hohem Verkehrsaufkommen, mit einer kleinen Handfeuerwaffe. Eine Fahrt kostet 40 molwanische $; Fahrkarten kann man an Kiosken oder direkt bei den Fahrern kaufen. Man sollte nicht vergessen, mit dem im Bus befindlichen Automaten eine Fahrkarte pro Sektor zu entwerten sowie eine zusätzliche für jede Zone. Übriggebliebene Fahrkarten können danach mit einem Gerät wieder gültig gemacht werden, allerdings nicht mit dem zum Entwerten verwendeten.

    Dies tönt nun einwenig kompliziert, aber wenn man mal das Prinzip begriffen hat, dann ist es ganz einfach. Ich fahre am häufigsten vom Sektor 1, wo ich wohne - in der Nähe des Königsschlosses - in den Sektor 2, wo der Grosse Platz, das Rathaus und die Römischen Ruinen sind, aber davon ein andermal.

    Wer ein herzhaftes Mahl zu erschwinglichen Preisen sucht, sollte erwägen, einen Tisch im Horgastz Vengelko zu buchen, einem schlichten Café im Parterre eines Gebäudes an der belebten Sv. Izcata. Zu den appetitlichen Hauptgerichten gehören geröstete Gans mit Schattenmorellen, Wildschweinlende und Steak nach molwanischer Art (d.h. komplett durchgebraten). Vegetarier oder auf koschere Speisen Angewiesene sollten vecbek versuchen, eine Schweinefleisch-Crêpe, in der die Fleischstücke durch eine dicke Käsesauce geschickt verborgen sind.

    cerdopulpo
    Der Marktplatz ist von vielen Cafés gesäumt, eigentlich entsteht dadurch eine gemütliche Atmosphäre, die nur durch die verschiedenen Autos gestört wird, die zwischen den Tischen geparkt werden. In ganz Molwanîen gibt es keinen Unterschied zwischen Strasse und Trottoir, die Autos sind überall willkommen und beanspruchen so auch kommentarlos den ihnen angebotenen Platz.

    Nach einem anstrengenden Tag voller Sehenswürdigkeiten möchten sich viele Touristen entspannen, zum Beispiel mit einem Kaffee und einem Stück muczecl-Käse in einem der vielen Freiluft-Cafés. Eine kleine Warnung: Die hiesigen Tauben sind nicht nur gefrässig, sondern gehören einer der seltenen Arten an, die über Zähne verfügen. Man sollte diese von Erregern wimmelnden Aasfresser auf gar keinen Fall füttern, sondern sie, wenn nötig, mit einer zusammengerollten Speisekarte oder einem Schirm verscheuchen. Das ist auch ein guter Tip für den Umgang mit den zahlreichen Musikanten und bettelnden Zigeunern auf dem Platz.

  • Dzrebo

    Seit einer Woche wohne ich nun in Dzrebo, das liegt ca 20 km nordwestlich von Lublova. Ich habe mich gemütlich eingerichtet in einem Zimmer und habe vor, in den nächsten paar Monaten hier zu bleiben, denn es eignet sich bestens zur Beobachtung der molwanischen Sitten, Dzrebo ist eine verschlafene Stadt in den östlichen Steppen des Landes.

    In Dzrebo, einer alten Bergbaustadt, entdeckte man im Mittelalter Silber, und wenn diese Edelmetallvorkommen nur ein paar Jahrzehnte länger gereicht hätten, so wäre die Stadt, wie dessen Bewohner behaupten, eine bedeutende europäische Stadt geworden. Heute ist der Ort ein bedeutender europäischer Lkw-Rastplatz and der Fernstrasse von Lutenblag über Lublova nach Osten.

    Dzrebo selbst besteht aus drei alten Weilern: Sektor 1, Sektor 2 und Zibruzzka ("Das Minenfeld"). Leider ist die Arbeitlosigkeit in Dzrebo sehr hoch; dies hat zur Entwicklung einer Unterschicht von Bettlern geführt, von denen viele an den Strassenecken stehen und Passanten angehen. Diese armen Seelen mögen völlig heruntergekommen wirken, aber wenn es darum geht, milde Gaben zu fordern, sind sie doch recht gut organisiert. Einige von ihne akzeptieren sogar Kreditkarten.

    Sie sind übrigens die einzigen in der Stadt, die diese Zahlungsart akzeptieren, kein Hotel, Restarant oder Laden würde sich zu so etwas entschliessen können. Ich wohne im Sektor 1, die Nachbarschaft würde ich nicht gerade als romantisch oder pittoresk bezeichnen, aber sie hat ihren Charme.
    quartierverkäuferinnen

    Die Verkäuferinnen, gleich um die Ecke von meinem Zimmer, sind übrigens ein Musterbeispiel molwanischer Verkaufskunst, man darf nichts anfassen, keine Fragen zu den Produkten stellen, Rückgeld gibt's sowieso keines, und wenn sie denn Zeit haben, darf man vielleicht etwas kaufen, aber sie in ihrem Gespräch zu unterbrechen gilt als äusserst unhöflich. Wenn man es sich trotzdem erlaubt, als Landesunkundige, wird man mit einem Schwall unverständlicher Worte übergossen und muss zuschauen, so schnell als möglich weiterzukommen, bevor der Bruder der linken Frau sich der Sache annimmt. Gestern habe ich gesehen, wie er eine alte Frau einfach so unter seine Gorilla Arme genommen hat und fünf Strassen weiter wieder absetzte. Damit sie so schnell nicht mehr am Stand seiner Schwester auftaucht. Dabei hat er ihr Gezeter mit einem knurrenähnlichem Laut locker überdeckt.

  • Musik, Musik

    Die Molwanîer sind ein lustiges Volk, sie lachen und tanzen gerne. Immer hat jemand ein Musikinstrument dabei, und es stört niemanden, wenn es falsch tönt.
    musik

    Mit Borat wurden wir im Zentrum gleich in eine Beiz gezerrt, wo die beiden Herren oben ein Ständchen hielten. Natürlich ist das Feiern immer eine sehr nasse Angelegenheit, seither wurden wir von unzähligen Menschen zu sich auf's Wochenendhaus eingeladen, damit sie uns ihre absurden Geschichten erzählen und wir ihren selbstgebrauten Schnaps degustieren konnten.

    schnaps1nachbarn

    Die Photos von diesen Ereignissen sind nicht allzu scharf, woran das liegt, müsst ihr Borat fragen, wenn er denn fähig ist, eine Antwort zu formulieren. Überhaupt kommt der erst richtig in Schwung, wenn der Alkohol fliesst und es lärmig ist um ihn herum. Nach drei Wochen geteilter Reise habe ich ihn darum alleine weitergeschickt. Er versprach, mich in Dzrebo besuchen zu kommen, wo ich unterdessen ein kleines Zimmer gemietet habe bei einem alten Ehepaar, aber dazu in einem späteren Eintrag.

    An einem Samstag hatten wir übrigens die Gelegenheit, eines der vor uns so oft gelobten Spatzal! Revivals zu sehen! Vom Veranstalter wurden sie wie folgt angekündigt:

    Spatzal!
    Zwei Mädchen, ein Junge und ein Transvestit bilden Molwanîens erfolgreichste Popgruppe, die vielfach preisgekfönte Band Spatzal!, die 1998 im Grand Prix Eurovision den fünften Platz belegten mit ihrem ansteckenden Tanzlied Vlarsh ei Czolom ("Deinen Boogie tu ich zappeln"). Leider löste sich die Gruppe 2001 auf; der Bassist Vron Gzapaov bereitet ein Soloalbum vor. Ihr Einfluss ist jedoch so gross, dass noch immer zahlreiche Spatzal!-Revival-Bands die umliegenden Länder bereisen. Heute Abend und exklusiv für Sie ist die Gruppe noch einmal in der Originalformation im Hotjl Fzor Ztejl zu hören, zum Glück ohne den Leadsänger.

    Logischerweise fand das Konzert auf der berühmten Dachterrasse des Hotels statt, schliesslich lässt man sich hier in Molwanîen nicht durch den Winter von solchen Vergnügen abhalten! Zudem ist das Hotel sehr zentral gelegen:

    Am Rande des Grossen Platzes in der Altstadt befindet sich das imposante Hotjl Fzor Ztejl, ein prächtiges sechsgeschossiges Gebäude. Das "Ztej", wie es liebevoll genann wird, hat alles, was man von einem Luxushotel erwarten kann, ausser verlässlichen Wasserleitungen und einem Aufzug. Die meisten Zimmer bieten einen prächtigen Ausblick auf das benachbarte Wohnsilo. Ferner gibt es einen Dachgarten, auf dem Gäste sich entspannen können, umgeben von einer grossen Auswahl molwanischer Disteln.

    sagt mein Reiseführer. Natürlich hat der den Ton genau getroffen. Das Durchschnittsalter der Zuhörer lag wahrscheinlich bei 55, die meisten sind schon am Morgen angereist, um sich langsam die Treppen bis auf's Dach hochzuschaffen, das alleine war schon ein ganzes Spektakel.

    Da es auf der Terrasse weder Elektrizität noch Absperrungen gab, entschied der Hotelmanager kurzerhand, die Band unplugged spielen zu lassen und die äussersten Disteln als Fakeln anzuzünden, damit die Zuhörer nicht über den Rand nach unten fallen. Es ist denn auch nichts passiert ausser dass ein älterer Zuhörer beim Anblick der brennenden Disteln einen Herzinfarkt hatte. Anscheinend war er ein führender Biologe Molwanîens gewesen. Der Arzt, der unglaublich schnell zur Stelle war, wollte ihn mit einem Glas Wasser wieder zum Leben erwecken, leider war der Wasserträger nicht flink genug, um die 6 Stockwerke runter, zu den Nachbarn, und wieder auf die Terrasse hoch zu rennen, ohne dabei das Glas Wasser zu verschütten, der Biologe hat sich so ganz schnell ins Distelparadies verabschiedet.

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