Heute ist St. Fjodorstag und alle Leute kümmern sich um ihren selbstgegorenen Schnaps. Das kam so:
St. Fjodor wurde 1507 geboren; seine Familie bestand aus wohlhabenden molwanischen Grundbesitzern. Mit kaum vier Jahren erstaunte er die Ältesten seiner Kirche, indem er ein ganzes Fass Messwein leerte. Diese religiöse Grosstat sollte er in seinem späteren Leben viele Male wiederholen. Von der Mutter erbte Fjodor Gelassenheit und gläubige Hingabe an Gott. Von seinem Vater erbte er die Gicht. Fjodors erste Frömmigkeitsperiode begann, als er im Alter von zehn Jahren ausgeschickt wurde, um seiner Familie bei der Feldarbeit zu helfen, dies jedoch verweigerte und sagte, es sei Gottes Wille, dass er im Haus bleibe und meditiere. Seine Hingabe hierin war so gross, dass der junge Mann nur noch zu Mahlzeiten und Feiertagen sein Zimmer verliess. In diesen Phasen pflegte er bis zu drei Stunden lang zu fasten und weihte dem Herrn sein Unbehagen.
Fjodor war ein Mann vieler Widersprüche. Als seines Vaters Haus niederbrannte, bemerkte er, dies bedeute ihm nichts, da er nicht an materiellem Besitz hänge. Wenige Wochen später jedoch prügelte er mit einer Keule einen Mann beinahe zu Tode, weil dieser seine Laute gestohlen hatte, was Theologen einem Anfall religiöser Inbrunst zuschreiben. Fjodor war ein grosser Freund der Armen. Besonders am Herzen lag ihm das Wohl junger unverheirateter Frauen, und oft sah man ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Häuser aufsuchen, gewappnet lediglich mit einer Bibel und einer Flasche roten Messweins. Er pflegte darin das Evangelium zu verkünden und jenen, die vor ihm knieten, die Hände aufzulegen.
St. Fjodors Gottergebenheit war so gross, dass er mit 21 Jahren verkündete, er sei dazu berufen worden, jegliche Bewegung aufzugeben. Zu seinen Exerzitien gehörte es, monatelang in gelassener Kontemplation am Kamin zu sitzen und sich bis auf drei Mahlzeiten pro Tag zunebst Naschereien der Speise zu enthalten. Zu anderen Zeiten verschwand er länger ohne jede Erklärung und kehrte von solchen Andachtsübungen mit undeutlicher Aussprache und unstetem Gang zurück - ein Zeichen, wie er sagte, dass ihn der Heilige Geist behauste.
Mit 56 Jahren und mehr als 100 Kilogramm wurde er von protestantischen Freischärlern festgenommen, die ihn aufforderten, entweder seinem Glauben abzuschwören oder zu sterben. Fjodor lehnte dies ab, wobei er ganz ruhig sagte, der Herr werde ihn beschützen. Daraufhin wurde er an einen Baum gebunden, ausgepeitscht, mit Pfeilen durchbohrt und enthauptet. Seine letzten Worte waren: "Copra sanctum" ("heilige Scheisse").
St. Fjodor wurde von Papst Paul 1617 seliggesprochen, 1623 von Papst Gregor XV. kanonisiert und war postum 1982 Gegenstand einer Episode der molwanischen Fassung der Serie "Das ist Ihr Leben".
Reliquien seiner Unterhose kann man in der Sankt-Fjodor-Kapelle in Lutenblag betrachten.
Kein Wunder betrinkt man sich in Andacht an diesen wahrhaft Heiligen.




Molwanien - kulinarisch
Die molwanische Küche findet bei internationalen Gastro-Kritikern bisher leider nur wenig Beachtung. Völlig zu unrecht, wie ich meine. Zwar fehlt ihr etwas die mediterrane Leichtigkeit der Balkan-Küche, jedoch können die molwanischen Gerichte durchaus mit ihrer robusten Geschmacksneutralität und Improvisationsfreude punkten.
Ein Höhepunkt im molwanischen Küchenkalender ist ausgerechnet die Fastenzeit: Dort kredenzen die molwanischen Hausfrauen ihren Lieben (und sonstigen hungrigen Mäulern) immer das Nationalgericht Mymmlor Trunksky ("Beschwipster Hase"). Dieses Gericht hatte seinen Ursprung während der Regierungszeit der Lutenblager Patriarchen Nikolaj Bygottskij 1530-1544. Der Patriarch war bei der Bevölkerung wegen seiner allzu weltlichen Lebensweise in die Kritik geraten. Um seine tiefe Verwurzelung mit den kirchlichen Grundwerten zu demonstrieren, erließ Bygottskij umgehend strenge Fastengesetze: Die Fastenzeit wurde auf 180 Tage ausgedehnt, und während dieser Zeit wurde den Gläubigen und Ungläubigen des Landes jeglicher Alkoholkonsum strikt verboten. Um die Bevölkerung vor den Versuchungen und Verlockungen des Alkohols zu schützen, sollten während der Fastenzeit sämtliche Schnapsvorräte in den Klöstern und Abteien der "Frömmelnden Brüder von Chardonnay" zur Verwahrung abgegeben werden.
Dieser Aufforderung wurde jedoch nur sehr zögerlich Folge geleistet: War doch allgemein bekannt, dass die frömmelnden Brüder Kraft ihrer Gebete den Schnaps in Weihwasser verwandeln konnten. Lediglich der Bauer Ladislav Tumbskowitsch äußerte öffentlich Zweifel an dieser göttlichen Kraft: Er behauptete, dass die Mönche den Schnaps schlicht aussoffen, und die leeren Flaschen mit ordinärem Brunnenwasser wieder auffüllten. Nach dieser ungeheuerlichen, ketzerischen These wurde er umgehend von ausgebildeten Verhörspezialisten der heiligen Inquisition abgeholt, und ward danach nicht mehr gesehen.
Doch es gibt in Molwanien keine Gesetzte, die sich nicht umgehen ließen. Da der Alkohol nicht mehr getrunken werden durfte, mischten die findigen molwanischen Hausfrauen fortan den Knoblauchschnaps Zeerstum ihren Stallhasen unters Futter. Diese freuten sich über die ungewohnte Nahrungsergänzung ganz besonders, und in gar manchem Hinterhof sah man die Hasen bei einer fröhlichen Polonaise durch die Stallungen ziehen. In der letzten Woche vor der Schlachtung bekamen die Hasen ausschließlich Zeerstum vorgesetzt, wodurch das Fleisch von innen heraus schön mariniert wurde. Als erfreulicher Nebeneffekt wurden die Hasen durch den Alkohol derart aufgedunsen, dass selbst das mickrigste Zwergkarnickel zum respektablen Rammler mutierte. Die Schlachtung selbst bekamen die Hasen in der Regel gar nicht mehr mit.
Leider gehen angesichts der wirtschaftlichnr Rezession und durch den angeborenen Geiz der Molwanier viele Hasenzüchter inzwischen dazu über, statt gutem Zeerstum nur noch billigen Industriemethanol an ihre Tiere zu verfüttern. Die Folgen können dramatisch sein: Beim Mensch kann dies zu Erblindungen führen, und die Hasen bekommen davon furchtbare Kopfschmerzen. Daher warnt das molwanische Gesundheitsministerium zur Fastenzeit regelmäßig mit großformatigen Plakataktionen davor, den Hasen schlechten Alkohol vorzusetzen. (Siehe Link: http://img.geocaching.com/cache/log/9b84235f-82ee-470b-a072-01b15eb12c4f.jpg)
Ein gut zubereiteter "Beschwipster Hase" ist eine wahre Delikatesse. Serviert wird er meist mit Roter Beete und dunkler Bratensoße, wobei erfahrene Hausfrauen zum Eindicken der oft etwas wässrigen Soße gerne ein paar Krümelchen Gips unterrühren. Der Geschmack wird dadurch harmonisch abgerundet, und der Kalk ist gut für die Knochen.
Guten Appetit!